Gemeinschaftsaktion Sicher zur Schule - Sicher nach Hause
Gemeinschaftsaktion Sicher zur Schule - Sicher nach Hause

30 Jahre Sicher zur Schule - Sicher nach Hause. Eine Gemeinschaftsaktion zum Schutz unserer Kinder im Straßenverkehr von Klaus Wagner, Verkehrsparlament der Süddeutschen Zeitung e. V.

Eigentlich begann es schon am 1. Dezember 1949. An diesem Tage wurde das „Verkehrsparlament der Süddeutschen Zeitung" gegründet. Vorhergegangen war ein dramatischer Anstieg der Unfallzahlen auf unseren Straßen, als Folge der starken Zunahme des Straßenverkehrs. Da sagte der damalige Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Werner Friedmann, zu seinem Lokalredakteur Joseph Ströbl: „Pepi, da muß was g'scheh'n". Der Pepi überlegte und rief einen kleinen Expertenkreis zusammen, um Gegenmaßnahmen zu erörtern und möglichst dann auch in die Tat umzusetzen.
 

 Das war die Geburtsstunde einer Vereinigung, die sich, um die Bürgerbeteiligung zu dokumentieren, vielleicht etwas hochtrabend „Verkehrsparlament" nannte. Das „Verkehrsparlament der Süddeutschen Zeitung e. V." hat im Laufe der Jahre vieles bewegt, zumindest erheblich dazu beigetragen, daß etwas bewegt wurde. Eine der wichtigsten Initiativen des „Verkehrsparlaments" war die Gründung der Aktion „Sicher zur Schule - Sicher nach Hause", dies zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk, dem ADAC und der Landesverkehrswacht Bayern in Zusammenarbeit mit den Bayerischen Staatsministerien des Innern und für Unterricht und Kultus, dem Bayerischen Elternverband e. V. (BEV), dem Landesverband Bayerischer Omnibusunternehmen e. V., dem Bayerischen Gemeindeunfallversicherungsverband (GUW), der Eigenunfallversicherung München (EUV), dem TÜV Bayern, den Bayerischen Sparkassen, der Bayerischen Landesbank und der Kirchlichen Arbeitsgemeinschaft für Verkehrsfragen in Bayern.
Schirmherr der Gemeinschaftsaktion ist der Bayerische Ministerpräsident. Sprecher und Geschäftsführer der Gemeinschaftsaktion ist der langjährige, ehemalige Bayerische Landtagsabgeordnete Franz Xaver Werkstetter.

Anlaß für die Gründung einer solchen Gemeinschaftsaktion war die hohe Zahl von Schulwegunfällen, insbesondere die hohe Zahl der dabei getöteten Kinder. Die Zahl der Unfälle hat sich seit der Gründung im Jahr 1970 nahezu halbiert, und die Zahl der tödlichen Schulwegunfälle ist von 35 im Jahre 1972 (erstmalige statistische Erfassung) auf null im Jahr 1995 zurückgegangen, dies trotz einer Verdoppelung der zugelassenen Kraftfahrzeuge und der Verdreifachung der gefahrenen Kilometer. Damit ist sozusagen der Beweis erbracht, daß es auch ohne tödliche Unfälle gehen würde. Die Tendenz in den Jahren 1996 ff. ist weiter fallend, was die Zahl der Unfälle anbelangt. Leider haben wir aber wieder einige getötete Kinder zu beklagen. Das sollte ein Menetekel sein für uns alle. Was hat zu diesem insgesamt erfreulichen Ergebnis geführt, was hat diese Gemeinschaftsaktion alles bewegt: Seit 1972 gibt es erst, wie schon erwähnt, eine Statistik über Schulwegunfälle und deren Ursachen, es kam zur Einführung des Verkehrsunterrichts an den Schulen, bis hin zum Radfahrunterricht durch die Polizei, es wurde und wird aufgerufen zur Einübung des Schulweges durch die Eltern, es gibt zahlreiche Veranstaltungen wie eine Jahreshauptveranstaltung zum Schulbeginn mit breiter Beteiligung bis hinauf zum Bayerischen Ministerpräsidenten, es gibt ähnliche Veranstaltungen auf Regierungsbezirksebene, dazu eine umfassende Pressekonferenz zur Schuleinschreibung mit Fachbeiträgen, es gibt Eltern-Kind-Veranstaltungen im ganzen Lande, es gibt Diskussionsabende mit Elternbeiräten, es gibt Schulungen von Fachleuten, Verkehrssicherheitsbeauftragten, Schulbusfahrern, es gibt gelegentlich große Kinderfeste, immer unterschwellig mit der Thematik der Verkehrssicherheit für Kinder.

 

Alle diese Veranstaltungen werden von Funk, Fernsehen und der Presse begleitet; alle Mitgliedszeitungen der Aktion „Kavalier der Straße" - auch eine Initiative des „Verkehrsparlaments der Süddeutschen Zeitung", der heute über 50 Tageszeitungen in ganz Deutschland angehören - soweit sie sich in Bayern befinden, 12 an der Zahl, machen da mit.

Denn derzeit beschränkt sich die Gemeinschaftsaktion in dieser Form auf Bayern. ln Zusammenarbeit mit staatlichen und kommunalen Stellen wurden auf breiter Front Schulwegdienste eingeführt, ausgeübt von ehrenamtlichen, erwachsenen Schulweghelfern und Schulbusbegleitern, wobei z. B. an so gesicherten Schulwegübergängen noch keine tödlichen Unfälle passiert sind. Auch erfolgreiche Gesetzesinitiativen hat diese Gemeinschaftsaktion bewirkt, so die Einführung einer Vorschrift in die Straßenverkehrsordnung, daß sich ein Kraftfah- rer, der ein Kind beispielsweise am Straßenrand gesehen hat, sich nicht mehr auf ein „unvorher- gesehenes Ereignis" berufen kann, wenn dieses Kind unvermutet auf die Straße läuft, oder die von Bayern ausgehende Sonderregelung für das Vorbeifahren an haltenden Schulbussen. Das wichtigste an dieser Aktion ist aber wohl, daß es ihr durch breiten publizistischen Einsatz in Zusammenarbeit mit Gerichten und Jugendpsychologen gelungen ist, in der Bevölkerung das Bewußtsein wach zu rufen, daß Kinder sich ihrer Entwicklungsstufe entsprechend noch nicht „ver- kehrsgerecht" verhalten können.
 

Dies alles ist eine Daueraufgabe, denn jedes Jahrgibt es viele neue Verkehrsteilnehmer und viele Kinder, die wir, die Erwachsenen, auf die Straße schicken, damit sie beispielsweise zur Schule kommen. Lassen Sie mich abschließend auf einige Grundgedanken kommen, die der ganzen Gemein- schaftsaktion zugrunde liegen. Ich habe diese in einer Ansprache bei der Jahreshauptveranstal- tung vom 17. September 1996 in der Grundschule München-Oberföhring so formuliert: „Eltern und Schule, wir alle wollen unsere Kinder auf das Leben vorbereiten, helfen, daß sie es später einmal auf sich gestellt meistern können, zu diesem erziehen. Es wird ja viel nach dem Sinn des Lebens gefragt; für mich ist der Sinn des Lebens in erster Linie, dies von Gott geschenkte Leben mit Anstand zu leben. Es ist wohl nicht notwendig, den Begriff „Anstand" zu definieren, ebenso wie „das Gute" nicht ableitbar ist. Jeder weiß das, wenn er ein bißchen auf seine innere Stimme hört, ganz gut selbst. Zu unserem Leben gehört nun einmal der heutige Verkehr, auch und gerade der Straßenverkehr, auch und gerade das Auto. Und dieser Verkehr ist mit großen Gefahren für Leib und Leben ver- bunden. Dennoch können wir ihn nicht abschaffen - darum müssen wir uns unablässig bemühen, auch diesen Verkehr mit Anstand zu bewältigen, die Gefahren, die von ihm ausgehen, so gut es eben geht abzuwenden, vor allem von den schwächsten Verkehrsteilnehmern, eben den Kindern. Das ist nicht etwas, was man dem Staat, den Kommunen einfach hinschieben kann. Und auch Gemeinschaftsaktionen, wie diese, können nur mithelfen. Diese Aufgaben müssen wir schon alle selbst übernehmen und anfangen müssen wir bei uns, jeder bei sich selbst, nicht beim andern; anfangen müssen wir bei denen, die den Verkehr machen und nicht bei den Kindern, die wir ja gar nicht fragen, ob sie sich in den Verkehr begeben wollen, sondern die wir einfach da hineinschicken.
 

Ich sprach vorhin von erziehen. Um bei uns verkehrserzeugenden Eltern zu bleiben: Was ist hier, wie überhaupt, Erziehung? Information natürlich, Einübung unserer Kinder in den so gefahrvollen Verkehr, der ja nebenbei auch Freude machen kann, in erster Linie durch Liebe und Beispiel. Zur Liebe gehört zunächst einmal Erkenntnis: Daß Kinder ein Recht haben Kinder zu sein, daß sie nicht vorzeitig zu dann immer noch unvollkommenen Erwachsenen herandressiert werden dürfen. Der Religionsphilosoph Romano Guardini hat in seinem Buch „Die Lebensalter" bemerkt: Nur wer die verschiedenen Stadien, auch gerade die des Kindes voll hat ausleben dürfen, nur der wird dann auch ein voller Mensch sein. Und eine weitere Erkenntnis: Kinder können sich noch nicht „ver- kehrsgerecht" verhalten. Zu ihrem Lebensstadium gehört Spontanität, sie haben eine noch geringe Körpergröße, einen eingeschränkten Blickwinkel, können Geräusche, woher diese kommen, noch nicht richtig einschätzen und ebenso die Geschwindigkeiten. Wer sein Kind liebt, wer die Kinder liebt, weiß das und verhält sich so, daß unseren Kindern nichts passiert, auch wenn sie mal, was sie nicht unbedingt sollen, unbedacht über die Straße rennen. Und daß wir dann schuld sind, wenn was passiert, nicht die Kinder.
 

Und noch etwas: Wer sein Kind liebt, der sichert es im Auto, gerade auch hinten, wo sie sitzen sollen. Wissen Sie, daß ein ungesichertes Kind schon bei einem Aufprall von 30 km/h mit der Wucht, die dem Gewicht eines kleinen Elefanten entspricht, durch den Raum fliegt. Oder, wenn Sie sich dar- unter mehr vorstellen können: Es ist dann so, als wenn Sie Ihr Kind aus dem 4. Stock werfen. Wer würde das tun - wohl niemand. Schließlich: Wer sein Kind liebt, der kauft ihm einen schönen bun- ten Fahrradhelm. Die Rennfahrer haben alle einen, schnittig, schick. Ebenso wichtig ist das Beispiel: Wie die Kinder sich im Verkehr verhalten, jetzt und später, wenn sie dann mal größer werden und zu aktiven Verkehrsteilnehmern heranwachsen, das lernen sie von uns und dem Beispiel, das wir geben, und das schon in sehr frühen Jahren. Dabei geht es nicht nur darum, daß wir nicht bei Rot über die Straße laufen - meine kleine Tochter mußte mich einmal daran erinnern - es geht ganz allgemein darum, wie wir fahren, wie wir uns sonst benehmen. Ich schäme mich heute noch, 44 Jahre nach Erwerb des Führerscheins und mit etwa 1,5 Millionen gefahrenen Kilometern über manche Äußerungen, die ich in Gegenwart der Kinder über andere Verkehrsteilnehmer gemacht habe, über die Deppen da vorne, die nicht fahren können, über manche Fahrmanöver oder Rekordzeiten, auf die ich damals eher stolz war. Und wenn Sie auch öffentlich ein gutes Beispiel geben wollen, dann werden Sie Schulweghelfer. Es gibt immer noch zu wenige, und es dürfte für alle ein besonderer Ansporn sein, wenn Sie wissen, daß es die ganze lange Zeit, in der Schulweghelfer tätig sind, noch keinen tödlichen Unfall an einem gesicherten Übergang gegeben hat.
 

 „Führe mich nicht in Versuchung... -" - so heißt es im Vaterunser. Das dürfen wir aber dem Herrgott nicht allein überlassen; wir müssen schon auch selbst etwas dazu tun. Und so sage ich heute: Uberlassen wir auch den Schutz unserer Kinder nicht den Engeln; die haben schon übergenug mit uns selbst zu tun. Seien wir selbst Schutzengel unserer Kinder - das ist die Bitte eines Großvaters zum heutigen, heurigen ersten Schultag."

                                                                                                                     Klaus Wagner

 

 

 

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